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Duchgeritten. Alles von Karl May
Director´s Cut
Skript und Regie: Birgitta Linde

Karl May, 1842-1912, Fantast,  genialer Spinner und Schwadroneur, hinreißender Aufschneider und Schwindler, begnadeter Geschichtenerzähler und Bilderfinder, geehrter und geliebter "Weltreisender", zählt unbestritten zu den populärsten Schriftstellern, die es je im deutschen Sprachraum gab. Als der erste wirkliche Popstar der Literatur, erlebte er bis zu seinem Absturz einen Hype ohnegleichen. Der Sturz vollzog sich im Shitstorm einer beispiellosen Medienkampagne, riss ihn in eine unübersichtliche Anzahl von zivil- und strafrechtlichen Verfahren und zerbrach ihn schließlich seelisch und körperlich. An der Faszination seines Werkes aber mit seinen Millionenauflagen und zahllosen Übersetzungen in andere Sprachen hat sich bekanntlich bis heute nichts geändert.

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Im Mittelpunkt unserer Hommage steht außer  dem Werk die hochinteressante und bizarre Persönlichkeit Karl Mays, der zu Lebzeiten Kult war - ein Superstar mit Körpergröße 1,65 m und einer riesigen Fangemeinde, die bei seinen triumphalen Vortragstourneen derartige Aufläufe verursachte, dass  es zu größeren Verkehrsbehinderungen kam und Polizei und Feuerwehr eingreifen mussten. Heute wäre er von Bodyguards umgeben.
Grund für die Idolisierung seiner Person  war, wie man weiß, seine geniale Selbststilisierung zum Helden seiner eigenen Romane. Die Old Shatterhand Legende ist wohl die coolste Hochstapelei  in der deutschen Literaturgeschichte: Zu behaupten, er sei Old Shatterhand und der Ich-Erzähler Kara Ben Nemsi in einer Person gewesen, er habe die Länder bereist und die Geschichten selber erlebt, von denen er erzählte, das war an Dreistigkeit nicht zu überbieten. Hatte er in seiner  Jugend schon diverse Hochstaplerauftritte hingelegt, mal als Augenarzt Dr. med. Heilig, mal als Seminarlehrer Lohse, mal als Polizeileutnant von Wolframsdorf u.a., so betrieb er später sein Illusionstheater in ganz großem Stil und nach modernsten Marketingmethoden - die  Fotos der Autogrammkarten in Shatterhand- und Kara Ben Nemsi-Kostümierungen sind ja hinlänglich bekannt.
Um ein derart waghalsiges Konstrukt aus Literatur und Biographie, aus Kunstfigur und realer Figur, über Jahre hindurch aufrechtzuerhalten, dazu braucht es eine ganz spezielle psychische Disposition. Wie immer diese definiert wird – "Pseudologia Fantastica"  oder "Narzisstische Identitätsstörung", oder etwas Drittes  -  fest steht, dass er ein größenwahnsinniger, abgedrehter Mythomane mit Grandiositätsfantasien war,  der nicht zwischen Wahrheit und Erfindung unterscheiden konnte, und sich schließlich um Kopf und Kragen fabulierte.  Als man ihn nach und nach entlarvte, war der Sturz des Idols Karl May, des Beherrschers von sage und schreibe 1200 Sprachen,  unvermeidbar.

May, der sich jahrelang mit Dr. Karl May titulieren ließ, bis ihm das behördlicherseits untersagt wurde, kann mit jedem modernen Selbstvermarkter, Schwindler Hochstapler und Blender mithalten. Er, der selbstredend auch ein Profi war im eleganten und kreativen Einsatz von Fremdtexten, stünde heute im Mittelpunkt eines veritablen Copy&Paste-Skandals und einer Internetseite namens  MayPlag.

Immer wieder kann man in zeitgenössischen Berichten lesen, welch ein glänzender Unterhalter er war, wie charmant und interessant er zu erzählen wusste, wie packend er parlieren konnte, mit welchem Feuer er immer wieder neue Details seiner Heldentaten hervorzauberte: "Und in der Tat", so einer seiner damaligen Zuschauer, "Old Shatterhand hielt mit nichts zurück, sondern erzählte uns von allem Möglichen und zwar im buntesten Wechsel, von einem Gebiet ins andere überspringend, ohne dass es mir gelungen wäre, irgendwelche Assoziationspunkte zu entdecken, von den intimsten Dingen, die ihm persönlich Seele und Leib berührten, von seiner Brautwerbung, wie von seinen Mahlzeiten, von erlebten Gefahren und Abenteuern ... etc etc".

Wir freuen uns deshalb auf einen spannenden und unterhaltsamen Abendsmit dem Gesamtkunstwerk Dr. Karl May, dem Großspurigen, dem begnadeten Performer und Verwandlungskünstler, der nicht nur als Kara Ben Nemsi und Old Shatterhand imponiert, sondern darüberhinaus als Andreas Wellano die Bühne rockt. Er wird sowohl "als Cowboy als auch als Schriftsteller" sein Publikum in Atem halten und diesem persönlich seine packenden Reiseabenteuer und Heldentaten im Orient und Wilden Westen schildern und szenisch darstellen, darunter die Erlegung eines Grizzlybären als Luftkampf  (Karl May war  Sieger im "Luftkampf on Stage" bei den Radebeul Awards 1895); er wird den allerersten Messer- und Blutfight mit Winnetou szenisch umsetzen, mit anschließender medizinischer Evaluation;  er wird seinen Oberkörper spektakulär entblößen, um seinen Wundenatlas aufzuschlagen, eine geografische Darstellung seiner Narben und knappverheilten Verletzungen; er wird das von ihm selbst komponierte Ave Maria singen, sich auf der Antik-Harfe begleitend; er wird seinen Zuhörern Unterricht im Grasspurenlesen erteilen; er wird ein kollektives Trauerschweigen für Winnetou organisieren; er wird mit Hilfe seines Smartphones seine Sprachkenntnisse (1200 Sprachen plus Dialekte!) beweisen; er wird im erstmals freigegebenen Director’s Cut einen tollkühnen Ritt durch sämtliche 35 Reise- und Abenteuererzählungen absolvieren; er wird die garantiert selbsterfundene Greenhorn-Story seiner Taxi- und Bahnreise zum jeweiligen Veranstaltungsort posten; er wird als Copy&Paste-Experte das Buch "Vorerst gescheitert" von Carl-Theodor zu Guttenberg rezensieren - er wird eine Autogrammstunde für seine Fanseinlegen und vieles vieles mehr - in chaotischer Reihenfolge  mit open end.

Unsere KARL MAY EGO-FESTSPIELE  werden unterlegt mit einem Soundtrack aus Westernmusik und Pferdegetrappel.

>Poptheater<

Auf der Durchreise:
Rezension der Premiere des neuen Stücks über Karl May von Birgitta Linde mit Andreas Wellano

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